Termine

 

Donnerstag, 02. April 2020, 19:00 Uhr
Theater

Details zum Stück

 

Beschreibung

 

Es gibt wohl kaum eine Kunstform, die im Kern ihrer Natur soviel mit Zeit, Vergänglichkeit und Erinnerung zu tun hat,
wie die Fotografie. In dieser Ausstellung „Vertraute Orte“ möchte ich Sie auf eine Zeitreise mitnehmen.
Durch das Objektiv einer Plattenkamera aus den ganz frühen Tagen der Fotografie wird daraus allerdings weniger eine
Rückschau, sondern vielmehr ein Blick vom Damals in die Gegenwart.

Alle Menschen haben Kindheitsorte. Meine finde ich vor allem in Bernburg und Umgebung. Es sind Kirchen, Bäume und Mauern auf die ich geklettert bin. Oder
Ausflugsgaststätten, Freisitze und der Eisladen meiner Kindheit, die mich in meiner Erinnerung wohl für immer an unbeschwerte Sommertage denken lassen.
Lange habe ich – vor allem wenn ich wie so oft aus beruflichen Gründen weit weg war – darüber nachgedacht, wie sich diese, mir so vertrauten Orte so
darstellen lassen, dass sie meinem Blick von einem „Damals“ am nächsten kommen. Ich bin 1965 geboren.
Und Nostalgie – und darum geht es ja bei Erinnerung fast immer – empfand ich immer am stärksten, wenn
ich Fotos meiner Eltern und eigentlich noch stärker, wenn ich diese Aufnahmen aus der Zeit meiner
Großeltern betrachtete.
Mein Weg zu den Bildern, die ich mir vorstellte, führte mich also zurück zur Jahrhundertwende. Und dann gleich noch ein ganzes Stückchen weiter: zu den
Anfängen der Fotografie. Der Artikel einer Fachzeitschrift machte mich erstmals mit einer über 150 Jahre alten Plattenkamera bekannt. Und durch sie,
mit einer ebenso traditionellen wie geheimnisvollen Handwerkskunst.
Die, mit dieser Technik gemachten Fotos überzeugten mich sofort. So würde es aussehen, das Bernburg meiner Erinnerung. Doch der Weg dahin, sollte ein
langer werden. Zwei Jahre dauerte es alleine, bis ich mich an diese Techniken heranwagte, ich alle notwendigen Materialien zusammen hatte und mit
meinen ersten Probeaufnahmen beginnen konnte. Und schnell wurde mir klar: hier würden nicht nur die gemachten Fotografien, sondern auch die
zeitintensiven und aufwändigen Verfahren zu ihrer Entwicklung in den Fokus des Interesses rücken.
Das unendliche und massenhafte Fotografieren mit Smartphones und digitalen Kameras verhindert heute, dass man sich dem abgelichteten Objekt wirklich
nähert und es auch so wie es zu diesem Zeitpunkt war in Erinnerung behält.
Die Aufnahme- und Entwicklungstechnik einer Plattenkamera zwingt den Fotografen hingegen fast schon zur Meditation. Um nur drei oder vier Fotos entstehen zu lassen, vergehen
schnell zwei Wochen. Zwischen 2018 und 2019 war ich an meinen Wochenenden und Feiertagen in Bernburg
und Umgebung mit einem wahren Ungetüm von Kamera unterwegs. Immer begleitet von meinem Assistenten Steffen Blassl und einer mobilen Dunkelkammer.

Die von mir verwendete Technik – die Kollodium- Nassplatten-Fotografie – gilt als eines der ältesten fotografischen Verfahren der Welt, war bis ins späte
19. Jahrhundert prägend und wird noch heute von Kennern ehrfürchtig als „Seele der Lichtbildkunst“ bezeichnet. Sorgfältige Handarbeit ist hier ebenso von
Nöten wie Kenntnisse über die Wirkweise chemischer Substanzen. Denn bei dieser aufwändigen Handhabung wird eine Glasplatte gereinigt, mit
Kollodium beschichtet, im Silberbad lichtempfindlich gemacht und in einer Plattenkamera, zumeist aus Holz, belichtet.
Doch das ist erst der erste Schritt zu einem für heutige Verhältnisse einzigartigem Foto. Denn jetzt müssen die Glasnegative entwickelt, nachentwickelt, getrocknet
und mit Firnis geschützt werden. Ein Prozess, bei dem die kleinsten Fehler nicht verziehen werden und der Fotograf auch deshalb großen Stolz empfindet, hält er
das massive Negativ erstmals in seinen Händen.
Allerdings muss dieses Bildnis noch auf`s Papier, denn nur so wird eine handhabbare Fotografie daraus. Um
diese Bildnisse so malerisch und gleichzeitig authentisch wie möglich aussehen zu lassen, habe ich mich für drei verschiedene Print-Verfahren
entschieden. Beim Salzdruck (entwickelt um 1834) besteht die Trägerschicht aus Gelatine, beim
Albumindruck (um 1850) aus Eiweiß und beim VanDykeBrown-Druck (1842) wird die lichtempfindliche Schicht direkt auf das Papier gebracht. Alle drei Print-Methoden werden heute als
Edeldruckverfahren bezeichnet, bei denen die Fotos immer wieder gespült, in verschiedene Lösungen getaucht und gebadet werden müssen. Für derartige
Belastungen war es nötig, besonders edle zum Teil auch handgeschöpfte Papiere zu verwenden.
Was Sie heute nun hier betrachten können, ist nicht nur das Ergebnis eines fast schon alchimistisch anmutenden Belichtungs- und Entwicklungsprozesses,
sondern vor allem auch das Ziel eines spannenden Weges, den ich in den vergangenen fünf Jahren
gemeinsam mit dieser besonderen Fototechnik gegangen bin. Die Bilder sind deshalb nicht nur allen
Menschen in Bernburg und Umgebung gewidmet, sondern ebenso allen Foto-Enthusiasten. Den einen werden wohl bekannte (und immer noch lebendige)
Orte in einer Aura des längst Vergangenen begegnen.
Und für die anderen eine fast in Vergessenheit geratene Form des Fotografierens zum Leben erwachen.